Das Ding mit dem Gewicht

Ich falle auf die Knie, bin untröstlich und lasse mir ‚mea culpa‘ eventuell auf die Stirn einbrennen. Eigentlich sollte es morgen schon die #29 geben und ich kann euch noch nicht einmal mit der #28 bedienen. Ich hasse es unzuverlässig zu sein, doch meine körperliche Verfassung ist grad sehr suboptimal. Der Antrag auf eine Rehabilitation läuft, denn momentan bleiben mir nur zwei Karieren offen: Quasimodo oder Igor (Frankenstein) in irgendeiner Neuverfilmung zu spielen. Meister, Meister!

Und dann noch diese Schmerzen… Es hat letzte Woche oft geregnet. Aus meinen Augen. Doch genug des Selbstmitleids, ich fühle mich schon wie eine Person, die nur über Krankheiten sprechen kann/will. Solche Menschen mag niemand, daher wechsel ich mal so galant wie Eichenholz das Thema. In der Überschrift haben die aufmerksamen Leser_innen unter euch ja bereits gesehen, dass es keinen neuen Mann zu präsentieren gibt. Diese Enttäuschungen reißen nicht ab…. Das liegt daran, dass die #28 so komplex ist und ich nicht so gut sitzen kann. Außerdem  habe ich mich besonders die letzten Tage über ein Thema aufgeregt. Eine gute Freundin sagte mir einmal, dass man sich nur mit Themen beschäftigen soll, über die man sich aufregen kann. Dann mal los:

Gewicht , Gewicht, Gewicht

Wie bin ich auf das Thema Gewicht gekommen? Tja, man müsste schon blind durch die Gegend laufen, wenn man nichts von der Besessenheit über die „richtige“ Anzahl an Kilos hört. Ich selbst bin fett und umgebe mich in allen sozialen Medien gerne mit dicken Körpern. Man möchte sich doch selbst repräsentiert sehen. Durch starke und inspirierende Personen, die anziehen, was sie wollen und essen, was sie wollen. Daher like ich fast alles und jeden, der nicht in dieser ‚fett-ist-böse‘- Schublade steckt. Ich liebe das. Auch bei youtube sehe ich so gerne OOTD (outfit of the day, bzw. was hab ich heute an) von Frauen, die dick sind. Was nützt es mir den neusten Einkauf von Primark zu bestaunen, wenn das einzige passende Kleidungsstück für mich dort ein Schal wäre? Nix.

Mit auf meiner Liste bei youtube ist eine junge Amerikanerin, die ich seltener als andere schaue, weil sie mir noch zu schlank ist, um mich mit ihr identifizieren zu können. Sie hat aber tolle Videos online und ich mag sie echt gern. Irgendwie hat sie das Internet gefunden und auf unzähligen Seiten wird ein Video von ihr gepostet, in dem sie in Badekleidung davon spricht, dass sie ihren Körper liebt, er ihr gehört und viele gute Seiten hat. Etc. , etc. Eigentlich ein wahnsinnig schönes Video mit einer wichtigen Botschaft. Eigentlich.

Trolle…

Denn in den Kommentaren (ahh, ich darf Kommentare einfach nie, nimmer lesen) tun sich Abgründe auf, da ist der Mariannengraben nix gegen. Unfassbar. Es ist nicht das erste Mal, dass ich negative Dinge über Übergewicht lese. Fettleibigkeit muss eine enorme Panik bei manchen Menschen auslösen, anders kann ich mir die Beleidigungen, bis hin zu Todesdrohungen, nicht verstehen. Macht es Personen sauer, dass nicht jede_r nach normativen Schönheitsvorgaben lebt? Frei nach dem Motto: -du machst nie Sport und isst Chips? Dafür muss ich dich bestrafen, weil ich das auch will und nicht machen kann.- Oder wie?

Ich persönlich bin für eine breite Variation, in jeglicher Hinsicht. Wer Bock hat sehr schlank zu sein, bitte. Wer jeden Tag Sport machen möchte, nur zu. Ich bremse auch für Jogger_innen. Leider leben wir in einer Welt, in der eben genannte Wahlmöglichkeiten sehr positiv konnotiert sind. Denken wir nochmal an die nette Amerikanerin zurück. Sie strahlt in die Kamera, fühlt sich pudelwohl. Was steht in den Kommentaren?

1.) Wow, ich wäre auch gern so selbstbewusst. Du hast echt Mut.

– Das ist ja schon ganz ok formuliert. Wobei ich mich frage, was daran so mutig sein muss. Es ist nur ein Körper, sie springt nicht mit einem Tiger im Arm von nem Hochhaus. Was ziemlich cool wäre. Solch ein Kommentar zeigt aber, wie sehr viele unter dem Druck leiden, schlank sein zu müssen. Das macht mich dann wieder traurig…

2.) Ist ja ganz schön und nett aber du propagierst hier einen ungesunden Lebensstil. Schäm dich, was bist du für ein Vorbild für Kinder?!

– Das sind mir die liebsten Kommentare, da bekomme ich direkt Sodbrennen, weil ich mich so aufrege. Ach nee, Sodbrennen hab ich ja nur durch das Übergewicht. Ich Idiotin^^. Fangen wir mal mit der ungesunden Lebensweise an. Wer meint, dass er durch den bloßen Blick auf eine Person deren gesundheitlichen Zustand erraten kann, der sollte sich beim Fernsehen bewerben. Next Uri Doktor oder so. Ok, wenn jemand vor dir liegt, mit offenem Bauch und heraushängendem Gedärm… ja, da ist die Gesundheit schnell einzuschätzen. Aber in allen anderen Fällen hast du verdammt nochmal keine Ahnung! Ich bin adipös und habe außer dem oben genannten Problem keine gesundheitlichen Einschränkungen. Herz ist ok, keine Diabetes, sondern nur Cellulite :D. Dicke sind per se nicht todkrank. Natürlich gibt es bei allen Figuren Krankheiten, die behandelt werden müssen. Aber nur weil ich dick bin, bin ich nicht krank.

Viele glauben auch, dass ich nur Süßigkeiten und Pommes esse. Mach ich nicht, wäre mir viel zu langweilig. Dick sein heißt nämlich nicht, dass man sich nur schlecht ernährt. Ich kannte mal einen sehr, sehr schlanken Mann, der nur Cola trank und Fastfood aß. Ist er jetzt gesünder, weil er schlank ist?! Ihr merkt die logischen Lücken hoffentlich. Kommen wir zu den lieben Kindern. DAS Argument für Leute ohne Argumente: „Was ist mit den Kindern?“. Man kann seinem Kind zeigen, dass Menschen ganz unterschiedlich aussehen können und sie dabei immer liebenswert und schön sind. Könnte man. Oder man verhält sich wie ein Arsch und versteckt seinen eigenen Hass in Sorge. Solch Kommentare nenne ich gerne ‚Concern trolling‘. Man sagt oberflächliche Dinge und legitimiert sie mit der Sorge um seine Mitmenschen. „Ich bin nur so gemein, weil ich mich um deine Gesundheit sorge, Bla…“. Mein Körper, meine Entscheidungen. Du Honk.

3.) Iiihhh, ist das widerlich. Bah, wer hat den Wal ans Land geholt? Geh sterben!

– Witze mit Walen sind total innovativ. Noch nie gehört… Dieses Beispiel ist noch sanft formuliert, es gibt tausende, die weitaus schlimmer sind. So viel Hass, nur weil die Dame mollig ist. Übrigens super sozial und knorke, dass die Person sich extra bemüht hat solch ein Kommentar zu verfassen. Wer so negativ und hasserfüllt durchs Leben geht, hat tiefgreifende Probleme. Auch nicht ganz gesund, wa ;D ?!

4.) Mach mal Sport!

– Mach doch selber! Nee, ernsthaft jetzt (als ob ich das könnte, haha..). Mir hat einmal ein Gaukler aus einem fernen Land berichtet, dass es auch dicke Menschen gibt, die Sport machen. Waaaas? Jaha, sogar ziemlich viele. Fit sein und Übergewicht schließt sich nicht aus. Machen alle Schlanken denn Sport? Nicht? Skandal!

Das Mittelmaß?

Was mich aber noch mehr ankotzt (da sind jetzt Emotionen im Spiel) ist dieses Ideal vom Mittelmaß. Eine Frau darf nicht zu dünn sein aber auch nicht zu dick. Schon nen Hintern aber der muss prall und rund sein. Absolut exemplarisch ist das olle Lied von Meghan Trainor („All about that Bass“). Wie ich es hasse! Vor allem hasse ich, dass es als positiver Beitrag zum Umgang mit Übergewicht verkauft wird. Schaut mal die Lyrics an, ahhh!

Yeah, my mama she told me don’t worry about your size
She says, „Boys like a little more booty to hold at night.

A little more, bloß nicht zu viel. Der Wert deines Körpers hängt zudem nicht davon ab, ob er von Männern gemocht wird. So weit kommt es noch… Du solltest deinen Körper lieben. Das steht an erster Stelle. Wer dich nicht so leiden mag wie du bist, der kann dich mal an deinen fabulösen Arsch lecken, egal wie groß/klein der ist.

I’m bringing booty back
Go ahead and tell them skinny bitches that

Skinny Bitches… Ich bin wie gesagt für eine Variation an Körpern. Alles ist schön, du bist schön. Dünne Menschen als knochig und magersüchtig zu bezeichnen ist so dumm und gemein. Männer mögen Kurven.. Da haben wir es schon wieder. Warum läuft es immer über die Konsumierbarkeit durch einen Penis? Ganz schön heteronormativ und ganz schön irrsinnig. Ich als Dicke hasse auch keine schlankeren Frauen, ich liebe euch alle :-) !

Wenn es doch so schwer ist….

Da mecker ich über mein Leben als Dicke und wie man mit Hass zugemüllt wird. Dabei wäre die Lösung so nahe: ich könnte abnehmen und alles ist gut. Ja? Wäre es das?

Zum einen habe ich schon etliche Diäten hinter mir. Als Teenager war der gesellschaftliche Druck echt nicht auszuhalten. Hätte ich für jede Beleidigung in Bezug auf meine Figur auch nur einen Cent bekommen.. Ka-Ching! Zum anderen halte ich nichts davon, wenn ich, als Opfer von Diskriminierungen, mich dem Geschmack der Täter anpassen soll. Ich glaube auch nicht, dass es funktioniert. Jetzt bin ich dick. Ihh, alles ihh. Als nächstes wäre ich mollig. Ihh, ein weicher Bauch. Bei weiteren Anpassungen eventuell schlank. Ihh, die Oberschenkel/Arme/Knie sind voll fett. Schließlich wäre ich dünn. Ihh, viel zu knochig.

Egal wie du aussiehst, es gibt immer jemanden, der mit dem Finger auf dich zeigt. Doch tue mir einen Gefallen, bitte sei du es nicht, die auf sich zeigt. Du hast nur diesen einen Körper und der braucht dich mehr als du denkst. Sei nachsichtig, sei liebevoll und zeige Bewunderung. Dein Körper ist 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, dich am Leben zu erhalten. Hab ihn lieb, er hat es verdient :).

 

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6 Gedanken zu “Das Ding mit dem Gewicht

  1. Das ist so so so gut geschrieben! Du schreibst mir aus der Seele. Ich bin auch dick, geworden durch eine Krankheit, so richtig schaffe ich das nicht mit dem selber-lieb-haben, obwohl ich andere dicke genauo mag wie dünne, solange sie nicht doof sind ;-) was aber vielleicht auch an den Schmerzen und Problemen liegen kann. Organisch und vom Blut her bin ich laut Doc „gesünder als manche dünne“ na dann, kanns ja nicht so schlimm sein. Die Leute sollten sich nicht immer so wichtig machen, die Sprüche können so viel kaputt machen.

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  2. Hat dies auf Selbst- und Mann-Findung im Alltag – 33, single, sucht rebloggt und kommentierte:
    Ich liebe nicht nur ihren Schreibstil, sondern bewundere sie auch sehr dafür, wie Sie bestimmte Themen auf den Punkt bringt. Als Ex-Bulimikerin bin auf solche Topics natürlich sensibilisiert. Starke Worte, da bleibt nichts mehr offen. Ich kann nur beipflichten. Und wenn ich noch kotzen würde, würde ich es jetzt tun. Und zwar auf die beängstigende Oberflächlichkeit und Kurzsichtigkeit unserer Gesellschaft. Würg!

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  3. Klasse geschrieben und auf den Punkt gebracht. Leider haben nicht viele Übergewichtige das nötige Selbstbewusstsein, so über den Dingen zu stehen. Diesen hilft vielleicht dieser Text. Oder auch nicht. Dann helfen vielleicht die anderen Texte hier. ;-) Der Klinkenputzer an sich hat da ja bekanntermaßen weniger ein Problem. Weder mit dem nötigen, weil hinreichend vorhandenem Selbstbewusstsein noch mit dem Gewicht. Die anderen müssen erst mal an mir vorbei. Schlank kann ja jeder…

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